Buntes Treiben in Hunx

Meine Mutter gibt mir noch kopfschüttelnd mit auf den Weg: “Jeder, wie er meint”. Recht hat sie mit ihren über 80 Jahren. Ich mache mich also um halb fü, bei echt coolem Wetter, von Wuppertal aus, auf den Weg nach Hünxe (oder auch Hunx, wie der promovierter Evolutionsbiologe zu sagen pflegt). Wuppertal macht ja eh schon keinen Spaß, aber die Anzeigetafel am Bahnhof, die mir anzeigt, dass die S-Bahn gen Norden ausfällt führt nicht dazu, dass sich meine Laune verbessert. Schon gar nicht, die Lautsprecherstimme, die aus dem Lautsprecher zu mir spricht, dass überhaupt bis auf weiteres keine Züge auf dieser Linie verkehren und ich doch über Düsseldorf fahren soll. Ich will nach Norden ihr Spackos. Nützt ja nix also ergebe ich mich in mein Schicksal. Um es abzukürzen: Um 20 Uhr komme ich endlich am Festivalgelände an. Das hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. Zum Glück muss ich nicht auch noch das Zelt aufbauen. Das hat Timo schon erledigt und so muss ich dort nur meine Brocken reinschmeissen, kann mir endlich eines der mitgebrachten Hansa-Pils gönnen und mich in Richtung Musik begeben. Die “Lurkers” haben gerade angefangen zu spielen und hellen meine Laune deutlich auf, auch wenn mir langsam arschkalt wird. Das wird auch während der folgenden drei Stunden nicht besser, aber immerhin halten meine Schuhe dicht und die Füße bleiben trotz tiefer Mocke trocken. Der erste Abend endet für mich nach “Pennywise”, deren Songauswahl mir zwar gut gefällt, aber die mir “Germany” für meinen Geschmack etwas zu häufig dazu auffordern “some noise” zu machen. Eigentlich ist es doch so schon laut genug.

Freitag, 5 Uhr morgens. Ich wache auf, weil ich pissen muss. Kaum liege ich wieder, fängt in unmittelbarer Nähe irgendwer an, die Palette Bier, die er gestern getrunken hat, nochmal durchzuzählen. Darüber penne ich zum Glück wieder ein, um dann um 8 Uhr endgültig aufzustehen. Tja, jeder wie er meint. Die Stunden bis die ersten Bands spielen gehen rum wie im Flug. Scheiße labern, übern Platz irren, Kaffee trinken und noch mehr Scheiße labern. Aber das ist eine stabile Sache, wie die einhellige Meinung ist. Wir zollen uns gegenseitig Respekt und versichern uns, dass wir unseren Weg gehen werden. Immerhin zu den Bühnen schaffen wir es. “The Creepshow” finde ich super. “Talco” sowieso und auch “Peter & The Test Tube Babies” können mich überzeugen. Liegt zwar weniger an der Show als an den Erinnerungen, macht aber auf jeden Fall Spaß. Abends dann in der ersten Reihe stehend, mit “Buster Shuffle” mein persönliches Highlight. Jedes mal aufs neue eine überaus sehenswerte Liveband. Die halbe Stunde, die die Bands auf der kleinen Bühne haben ist viel zu kurz, aber so läuft es halt. Dafür kann Punk ununterbrochen Musik hören und wenn er es darauf anlegt an jede Band des Lineups einen Haken machen. “Terrorgruppe” machen eine gute Show und die Fans freuen sich sichtlich. An mir ist die Band damals komischerweise komplett vorbeigegangen, was meinen Entusiasmus in Grenzen hält. Aber zum Glück ist man ja nicht gezwungen alles zu sehen und kann statt dessen Rauchen, Bier trinken, was essen oder ne Runde dummes Zeug labern. Entweder mit den Leuten, die man schon kennt oder mit den anderen. Sind ja genug da. Der Abend endet mit “Bad Religion”, die ich nach mehr als dreißig Jahren professionell aber nicht unbedingt mitreißend sind. Am Zelt gibt es noch einen Schluck Whiskey zum Aufwärmen aus Timos Flachmann und dann ab in den Schlafsack. Die Nachbarn drehen die Musik auf. Ich bin aber zu erschöpft, um die Bullen zu rufen und penne ein.

Samstag, 8 Uhr. Ich wache auf. Mir tut alles weh. Campen ist echt nix für mich, aber auf der anderen Seite ist es schon ganz angenehm mal stumpf rum zu sitzen, Bier und Mexikaner zu trinken und die Sonne zu geniessen, denn die scheint heute endlich. Und das bleibt auch den ganzen Tag so. Bands gibt es auch wieder zu sehen. Für mich sind das an diesem Tag “Control”, “Frantic Flintstones”, “The Boys”, “Zwakkelmann”, “Against Me” und “Elvis Pummel”. “Irie Revoltes” verpasse ich fast komplett, während ich in der Schlange vor dem Veggie-Stand stehe und auf mein Döner warte. Wenigstens hat sich das Warten gelohnt, denn das Teil schmeckt hervorragend. Etwas Sorge hatte ich mir zwischendurch gemacht, dass das Pärchen der Turbo-Jugend Bad Oeynhausen, das in der Schlange vor uns steht, die Band, wegen der sie heute hier sind, verpassen wird. Sie haben es aber noch geschafft. Wir schauen uns den Anfang der Norweger noch an, sind von der Bühnenshow beeindruckt und fahren erschöpft nach Hause. “Cock Sparrer” werde ich mir in acht Jahren zum 50-jährigen Bühnejubiläum anschauen müssen.

Die drei Tage haben großen Spaß gemacht. Einen Haufen netter Leute getroffen. Gute Bands gesehen und sauber abgehangen. Zu meckern gibt es vermutlich auch was, aber diesen Teil in meinem Hirn habe ich mit Bier ausradiert.